disruptiv

Wortart
Adjektiv
Aussprache
[dɪsʀʊpˈtiːf]
Herkunft
lateinisch disrumpere, „zerreißen“
Steigerung
disruptiver, am disruptivsten
  1. Wirtschaft

    „bestehende Marktstrukturen, Geschäftsmodelle (durch neue Unternehmenskonzepte, innovative Technologien) zerstörend“

    DWDS

  2. allgemein

    „eine bestehende gesellschaftliche o. ä. Ordnung zerrüttend, untergrabend, zerstörend“

    DWDS

  3. Biologie, selten

    „grob gemustert“, etwa in „disruptive Färbung“

    Duden

Fachbegriff

Was Christensen mit Disruption meint

Ein Prozess, kein Etikett: Ein kleineres Unternehmen mit weniger Mitteln fordert etablierte Anbieter erfolgreich heraus. Es beginnt am unteren Ende eines Marktes oder bei Menschen, die bisher gar nicht kaufen.

“‘Disruption’ describes a process whereby a smaller company with fewer resources is able to successfully challenge established incumbent businesses.”

„‚Disruption‘ beschreibt einen Prozess, in dem ein kleineres Unternehmen mit weniger Ressourcen etablierte Unternehmen erfolgreich herausfordern kann.“Übersetzung: disruptiv.info

Christensen, Raynor, McDonald: What Is Disruptive Innovation?, Harvard Business Review, Dezember 2015
Abb. 1 · Das Modell, mit vier Fällen schematisch, ohne Messwerte
Das Modell der disruptiven Innovation mit vier Fällen Ein Band zeigt die Leistung, die Kunden nutzen können. Die Linie der Etablierten beginnt im Band und steigt darüber. Die Linie des Neulings beginnt unter dem Band und steigt hinein. Markiert sind Ministahlwerke und Netflix mit dem ersten Angebot unter dem Band, Netflix mit Streaming im Band und Uber, das im Band bei den Etablierten startet. Leistung Zeit Leistung, die Kunden nutzen können Etablierte verbessern weiter Neuling steigt von unten ein 1 2 3 4

Etablierte Neuling

  1. Marke 1: Ministahlwerke: Einstieg am unteren Ende des Stahlmarkts.
  2. Marke 2: Netflix: erstes Angebot: DVDs per Post, für die meisten Blockbuster-Kunden uninteressant.
  3. Marke 3: Netflix: mit Streaming: erreicht Blockbusters Hauptkunden.
  4. Marke 4: Uber: startet im gut versorgten Hauptmarkt, deshalb nach HBR 2015 nicht disruptiv.

Vier Begriffe, die man auseinanderhalten sollte

Disruptive Innovation

Ein Prozess, in dem ein kleineres Unternehmen mit weniger Mitteln etablierte Anbieter erfolgreich herausfordert.

Low-End-Disruption

Einstieg bei Kunden, denen das Bestehende mehr bietet, als sie brauchen, mit einem Produkt, das gut genug ist.

New-Market-Disruption

Einstieg bei Nichtkunden: Menschen, die bisher ganz verzichtet haben, weil das Bestehende zu teuer oder zu kompliziert war.

Erhaltende Innovation

Macht gute Produkte für die bestehenden Kunden besser, in kleinen Schritten oder mit großen Durchbrüchen.

Disruptions-Check

Disruptiv oder nur neu?

Die Fragen folgen den Kriterien von Christensen, Raynor und McDonald. Am Ende steht ein Urteil, und zu jeder Antwort sehen Sie Kriterium und Quellenstelle.

Rahmen · Einstieg · Qualität · Verlauf

Frage 1 · V1 · Rahmen · Kriterium: Bezugsmarkt

Können Sie benennen, wen das Angebot herausfordert: konkrete etablierte Anbieter in einem konkreten Markt?

Quelle: HBR 2015 · „It is rare that a technology or product is inherently sustaining or disruptive.“ (Abschnitt zum iPhone)

Beispiele und Gegenbeispiele

Netflix

Netflix und Blockbuster

Das erste Angebot sprach die meisten Blockbuster-Kunden nicht an. Erreicht hat Netflix sie später über das Streaming.

Urteil: disruptiv

Mini­stahl­werke

Ministahlwerke gegen integrierte Hütten

Christensens Beispiel für Low-End-Disruption: Einstieg am unteren Ende des Stahlmarkts.

Urteil: disruptiv

Kodak

Kodak und die Digitalfotografie

Oft als Lehrstück zitiert. Ob der Fall Kodak den Kriterien der Theorie genügt, ist umstritten.

Urteil: umstritten

Uber

Uber: warum nicht disruptiv

Nach Christensen, Raynor und McDonald keine Disruption: Uber startete im gut versorgten Hauptmarkt.

Urteil: nicht disruptiv

iPhone

Das iPhone: erhaltend und disruptiv zugleich

Im Smartphone-Markt erhaltend, gegenüber dem Laptop als Zugang zum Internet disruptiv. Das Urteil hängt am Bezugsmarkt.

Urteil: je nach Markt

Einwände

Die Theorie ist einflussreich und umstritten

Jill Lepore · The New Yorker, 2014

Die Theorie beruhe auf handverlesenen Fallstudien, eine schwache Grundlage für eine Theorie.

King, Baatartogtokh · MIT Sloan Management Review, 2015

Sie legten die Fallbeispiele von Christensen und Raynor Branchenexperten vor. Laut MIT Sloan Management Review passten viele davon nicht gut zu vier Kernelementen der Theorie.

Was gegen die Theorie spricht