Theorie

Geprüft am

Schöpferische Zerstörung und disruptive Innovation

Schöpferische Zerstörung ist Schumpeters Name für den Gesamtprozess, in dem Neues das Alte verdrängt; für eine Theorie dazu erhielten Philippe Aghion und Peter Howitt den Wirtschaftsnobelpreis 2025. Disruptive Innovation nach Christensen ist enger: ein bestimmter Weg, der am unteren Marktende oder bei Nichtkunden beginnt. Nach unserer Einordnung ist Disruption ein Sonderfall schöpferischer Zerstörung, kein anderes Wort dafür.

Beide Begriffe zeichnen dasselbe Bild: Neue Anbieter kommen, alte verschwinden. Im Netz werden sie deshalb mitunter gleichgesetzt. Doch Joseph A. Schumpeter beschreibt, wie sich eine kapitalistische Wirtschaft als Ganzes erneuert, Clayton M. Christensen dagegen einen bestimmten Weg, auf dem das geschehen kann.

Der Anlass: der Wirtschaftsnobelpreis 2025

Am 13. Oktober 2025 gab die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften den Preis bekannt, der offiziell „Sveriges Riksbank Prize in Economic Sciences in Memory of Alfred Nobel“ heißt. Die gemeinsame Begründung lautet „for having explained innovation-driven economic growth“, für die Erklärung innovationsgetriebenen Wirtschaftswachstums.[1] Von den 11 Millionen schwedischen Kronen ging die eine Hälfte an Joel Mokyr (Northwestern University, Tel Aviv University), weil er die Voraussetzungen dauerhaften Wachstums durch technischen Fortschritt bestimmt habe. Die andere Hälfte teilen sich Philippe Aghion (Collège de France, INSEAD, London School of Economics) und Peter Howitt (Brown University):

“for the theory of sustained growth through creative destruction”

„für die Theorie dauerhaften Wachstums durch schöpferische Zerstörung“Übersetzung: disruptiv.info

The Royal Swedish Academy of Sciences: Pressemitteilung zum Preis 2025, 13. Oktober 2025

Eine offizielle deutsche Fassung der Begründung gibt es nicht. „Sustained“ heißt hier dauerhaft, nicht nachhaltig; das Komitee betont selbst: „sustained growth is not synonymous with sustainable growth“.[2] Wo diese Seite vom Nobelpreis spricht, ist immer der Preis 2025 gemeint.

Was Schumpeter 1942 meinte

Bekannt machte den Begriff Schumpeter 1942 mit „Capitalism, Socialism, and Democracy“ (New York: Harper & Brothers).[3] Das Kapitel „The Process of Creative Destruction“ umfasst nur wenige Seiten und steht im Teil „Can Capitalism Survive?“. Als Beispiele dienen neue Märkte und der Weg vom Handwerksbetrieb bis zu Konzernen wie U.S. Steel: eine industrielle Mutation, die die Wirtschaftsstruktur unaufhörlich von innen umwälzt. Dann folgt der Kernsatz:

“This process of Creative Destruction is the essential fact about capitalism.”

„Dieser Prozess der schöpferischen Zerstörung ist die wesentliche Tatsache des Kapitalismus.“Übersetzung: disruptiv.info

Joseph A. Schumpeter: Capitalism, Socialism, and Democracy, Harper & Brothers, 1942, Kapitel VII, S. 83 (gelesen im Scan einer „Second Edition“ bei archive.org; laut Econlib[4] dieselbe Seite)

Im selben Kapitel spricht Schumpeter vom „perennial gale of creative destruction“, dem beständigen Sturm der schöpferischen Zerstörung. Und er verlangt einen langen Blick: Der Kapitalismus sei „over time, as it unfolds through decades or centuries“ zu beurteilen, also über Jahrzehnte oder Jahrhunderte.

Eine Garantie für das Überleben des Kapitalismus sah Schumpeter darin nicht, auch wenn das mitunter behauptet wird. Laut bpb befürchtete er „das Ende des Kapitalismus“, weil der innovative Prozess vor allem durch Bürokratisierung und eine stärkere Rolle des Staates erlahme. Laut dem wissenschaftlichen Hintergrund des Nobelkomitees sah er in der schöpferischen Zerstörung „the seed of an inevitable demise of free-market economies“, den Keim eines unausweichlichen Niedergangs freier Marktwirtschaften.[6]

Was Aghion und Howitt hinzufügten

Aghion und Howitt veröffentlichten 1992 in der Fachzeitschrift Econometrica den Aufsatz „A Model of Growth Through Creative Destruction“.[7] Ihn selbst haben wir nicht gelesen; das Folgende stützt sich auf die Texte des Nobelkomitees. Danach war es „the first macroeconomic model for creative destruction to have general equilibrium“, das erste makroökonomische Modell schöpferischer Zerstörung mit allgemeinem Gleichgewicht,[2] und ein „paradigm shift in the growth literature“, ein Paradigmenwechsel der Wachstumsforschung.[6]

Das Bild dahinter ist eine Leiter. Wer ein besseres Produkt hat, kann Marktführer werden. Das gibt anderen den Anreiz, Produkt oder Produktionsweise weiter zu verbessern und selbst nach oben zu steigen; der Gewinn des bisherigen Spitzenreiters verschwindet. Laut Komitee heißt das oft „business stealing“, sei aber „of course not stealing in the legal sense“.

Neu gegenüber Schumpeter ist der Ausgang. „In sharp contrast to Schumpeter“ zeigten Aghion und Howitt laut Nobelkomitee, wie dieses Wachstum dauerhaft anhalten kann, statt sich abzuschwächen wie vor der Industriellen Revolution.[6] Die Größenordnung nennt die Erläuterung des Nobelkomitees: In den USA geben jedes Jahr mehr als 10 Prozent aller Firmen auf, und ebenso viele werden gegründet. Schweden und Großbritannien wuchsen in den vergangenen 200 Jahren um rund 1,5 Prozent im Jahr. Außerdem schadet laut Erläuterung eine zu hohe Marktkonzentration dem Innovationsprozess ebenso wie eine zu niedrige.[2]

Mokyr und der Widerstand der Etablierten

Bei Mokyr geht es laut Erläuterung des Komitees auch um Widerstand: Neue Technik trifft oft auf etablierte Interessengruppen, „who feel their privileges are threatened“.[2] Die Pressemitteilung verallgemeinert: Schöpferische Zerstörung erzeuge Konflikte; würden sie nicht konstruktiv gelöst, werde Innovation „blocked by established companies and interest groups“.[1]

Christensen erklärt die Trägheit der Etablierten anders. Sie blockieren nicht, sie „tend not to respond vigorously“,[9] und das aus Vernunft: „Any rational resource-allocation process in companies serving established markets will choose going upmarket rather than going down“, schrieben Joseph L. Bower und Christensen 1995.[8] Wer Mittel rational verteilt, investiert also nach oben, nicht nach unten. Interessenpolitik hier, Kundenorientierung dort: Diese Gegenüberstellung ist eine Einordnung von disruptiv.info. Mehr unter etablierte Unternehmen.

Schöpferische Zerstörung ist nicht gleich Disruption

Einordnung von disruptiv.info: Die folgende Abgrenzung ist unsere eigene Ableitung aus den Primärtexten, keine herrschende Lehre.

Schöpferische Zerstörung (Schumpeter, Aghion und Howitt)

Der Gesamtprozess wirtschaftlicher Erneuerung: Neue Produkte und Verfahren verdrängen alte, gleich auf welchem Weg. Blickwinkel ist die Volkswirtschaft und ihr Wachstum über Jahrzehnte.

Disruptive Innovation (Christensen)

Ein bestimmter Weg: Einstieg am unteren Marktende oder bei Nichtkunden, anfangs unterlegen, die Etablierten reagieren kaum, später Aufstieg in den Hauptmarkt. Blickwinkel ist der Wettbewerb von Firmen in einem Markt.

Den Knackpunkt zeigt das Beispiel, mit dem die Pressemitteilung schöpferische Zerstörung erklärt:

“In an article from 1992, they constructed a mathematical model for what is called creative destruction: when a new and better product enters the market, the companies selling the older products lose out.”

„In einem Aufsatz von 1992 entwarfen sie ein mathematisches Modell für das, was man schöpferische Zerstörung nennt: Wenn ein neues und besseres Produkt auf den Markt kommt, verlieren die Unternehmen, die die älteren Produkte verkaufen.“Übersetzung: disruptiv.info

The Royal Swedish Academy of Sciences, Pressemitteilung vom 13. Oktober 2025

Ein neues und besseres Produkt verdrängt ältere: Das ist schöpferische Zerstörung im Lehrbuchsinn. Nach Christensens Kriterien ist es eher eine erhaltende Innovation (sustaining innovation). Sie macht laut HBR 2015 gute Produkte besser „in the eyes of an incumbent's existing customers“, ausdrücklich auch in Form von „major breakthroughs“.[9] Disruptive Innovationen dagegen gelten den meisten Kunden der Etablierten anfangs als schlechter, und sie haben einen festen Anfang:

“A disruptive innovation, by definition, starts from one of those two footholds.”

„Eine disruptive Innovation beginnt per Definition an einem dieser beiden Einstiegspunkte.“Übersetzung: disruptiv.info

Clayton M. Christensen, Michael E. Raynor, Rory McDonald: What Is Disruptive Innovation?, Harvard Business Review, Dezember 2015

Gemeint sind der Low-End-Einstieg am unteren Rand eines bestehenden Marktes und der New-Market-Einstieg bei Nichtkunden. Für uns folgt daraus: Jede vollzogene Disruption ist ein Fall schöpferischer Zerstörung, aber nicht jede schöpferische Zerstörung ist eine Disruption. Warum „disruptiv“ keine Steigerung von „radikal“ ist, zeigt die Seite zu den Innovationsarten; eine ähnliche Verwechslung behandelt die Seite zur Sprunginnovation.

Bezeichnend ist ein Satz im wissenschaftlichen Hintergrund des Komitees: Wachstum sei „a very disruptive process“.[6] Gemeint ist erkennbar der Alltagssinn, störend oder zerstörend, nicht Christensens Fachbegriff. Ob ein Angebot im Fachsinn disruptiv ist, prüft der Disruptions-Check.

Erzählt wird

Der Nobelpreis 2025 hat die Theorie der disruptiven Innovation geehrt und damit Christensen bestätigt.

Belegt ist

Die Begründung für Aghion und Howitt lautet „for the theory of sustained growth through creative destruction“.[1] Im wissenschaftlichen Hintergrund des Nobelkomitees kommt Christensen nicht vor, weder im Text noch im Literaturverzeichnis.[6]

Hat sich Christensen auf Schumpeter berufen?

In den Texten, die wir gelesen haben, nicht. Eine Volltextsuche nach „Schumpeter“ in den Aufsätzen der Harvard Business Review von 1995, 2014 und 2015, die Christensen mit Koautoren schrieb, und in einem Aufsatz im Journal of Management Studies von 2018 ergab keinen Treffer.[8] [10] [9] [11] Christensens Bücher haben wir nicht gelesen; ob Schumpeter dort vorkommt, wissen wir nicht. Umgekehrt nennt der wissenschaftliche Hintergrund des Nobelkomitees Christensen nicht. Der Aufsatz von Aghion und Howitt erschien 1992, vor dem HBR-Artikel von 1995, in dem Bower und Christensen die Theorie zuerst vorstellten (zur Begriffsgeschichte).

Zusammengeführt haben beide andere. Andrew A. King und Baljir Baatartogtokh eröffnen ihre Prüfung der Theorie 2015 in der MIT Sloan Management Review mit Schumpeters „gales of creative destruction“ und fahren fort: „Enter Clayton M. Christensen …“.[12] Was die beiden fanden, steht auf der Seite zur Kritik.

Erzählt wird

Christensen hat seine Theorie offen auf Schumpeter gestützt.

Belegt ist

Dafür haben wir keinen Beleg gefunden. In HBR 1995, 2014, 2015 und im Journal of Management Studies 2018 kommt Schumpeter nicht vor. Die Bücher sind ungelesen, deshalb schreiben wir nicht „nie“.

Wo sich beide treffen

Gemeinsam ist beiden Ansätzen mehr als das Bild vom verdrängten Platzhirsch. Erstens der lange Blick: Schumpeter denkt in Jahrzehnten oder Jahrhunderten, bei Christensen, Raynor und McDonald heißt es 2015: „Disruption is a process.“[9] Nach unserer Lesart misstrauen beide der Momentaufnahme.

Zweitens das Wachstum. In „The Capitalist's Dilemma“ (2014) richteten Christensen und Derek van Bever den Blick auf die Wirkung von Innovationen.[10] Verbessernde und kostensenkende Innovationen schaffen danach kaum Arbeitsplätze, marktschaffende dagegen schon. Das Dilemma: „Doing the right thing for long-term prosperity is the wrong thing for investors, according to the tools that guide investments.“ Sinngemäß: Was dem Wohlstand auf lange Sicht dient, ist nach den gängigen Investitionsmaßstäben falsch für Investoren. Nach unserer Einordnung sind das drei Blickwinkel auf dieselbe Sorge: Schumpeter fürchtete, die Erneuerung erlahme; Aghion und Howitt zeigen, wie sie dauerhaft trägt; Christensen warnt vor zu wenig marktschaffender Innovation.

Exnovation: Ausstieg statt Verdrängung

Mitunter wird auch Exnovation als anderes Wort für Disruption ausgegeben. Das Öko-Institut versteht darunter in einem Arbeitspapier von Dirk Arne Heyen (2016) den „Ausstieg aus nicht-nachhaltigen Infrastrukturen, Technologien, Produkten und Praktiken“, als Arbeitsdefinition einen „Prozess, in dem etwas Bestehendes vollständig aus dem System geführt wird“.[13] Manche Exnovationen geschehen laut Heyen allein durch technischen Fortschritt und veränderte Nachfrage, etwa bei Webstühlen oder Videorecordern. Sein Papier behandelt dagegen „politisch intendierte und forcierte Exnovationen“, zum Beispiel bei Asbest, FCKW oder verbleitem Benzin. Schumpeter, Christensen und das Wort „disruptiv“ kommen darin nicht vor. Nach unserer Einordnung richtet Exnovation den Blick auf das Ende von etwas Bestehendem, in Heyens Papier vor allem auf das politisch gewollte. Schöpferische Zerstörung und Disruption beschreiben dagegen Marktprozesse, in denen das Alte weicht, weil sich Neues durchsetzt.

Quellen

  1. The Royal Swedish Academy of Sciences: Pressemitteilung zum Sveriges Riksbank Prize in Economic Sciences in Memory of Alfred Nobel 2025, 13. Oktober 2025. https://www.nobelprize.org/prizes/economic-sciences/2025/press-release/
  2. Nobelkomitee, populärwissenschaftliche Erläuterung: „From stagnation to sustained growth“. https://www.nobelprize.org/prizes/economic-sciences/2025/popular-information/
  3. Joseph A. Schumpeter: „Capitalism, Socialism, and Democracy“, New York: Harper & Brothers, 1942. Teil II, Kapitel VII „The Process of Creative Destruction“. Gelesen im Scan einer „Second Edition“ bei archive.org. https://archive.org/details/in.ernet.dli.2015.190072
  4. Richard Alm, W. Michael Cox: Artikel zu Creative Destruction, Econlib (Sekundärquelle). https://www.econlib.org/library/Enc/CreativeDestruction.html
  5. Bundeszentrale für politische Bildung, Lexikon der Wirtschaft: „schöpferische Zerstörung“ (aus: Duden Wirtschaft von A bis Z, 6. Aufl. 2016, Lizenzausgabe bpb). https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/lexikon-der-wirtschaft/20588/schoepferische-zerstoerung/
  6. The Committee for the Prize in Economic Sciences in Memory of Alfred Nobel: „Sustained economic growth through technological progress“, Scientific Background, 13. Oktober 2025, S. 20 und 24 f. https://www.nobelprize.org/uploads/2025/10/advanced-economicsciencesprize2025-1.pdf
  7. Philippe Aghion, Peter Howitt: „A Model of Growth Through Creative Destruction“, Econometrica 60(2), März 1992, S. 323–351, DOI 10.2307/2951599 (nicht gelesen, nur bibliografisch geprüft). https://doi.org/10.2307/2951599
  8. Joseph L. Bower, Clayton M. Christensen: „Disruptive Technologies: Catching the Wave“, Harvard Business Review, Januar/Februar 1995. https://hbr.org/1995/01/disruptive-technologies-catching-the-wave
  9. Clayton M. Christensen, Michael E. Raynor, Rory McDonald: „What Is Disruptive Innovation?“, Harvard Business Review, Dezember 2015. https://hbr.org/2015/12/what-is-disruptive-innovation
  10. Clayton M. Christensen, Derek van Bever: „The Capitalist's Dilemma“, Harvard Business Review, Juni 2014. https://hbr.org/2014/06/the-capitalists-dilemma
  11. Christensen, McDonald, Altman, Palmer: Journal of Management Studies 55(7), 2018, S. 1043–1078 (Fassung im Harvard-Repositorium DASH). https://dash.harvard.edu/entities/publication/fec35fc0-afa7-4d18-8cd0-a9db2f64c6c3
  12. Andrew A. King, Baljir Baatartogtokh: „How Useful Is the Theory of Disruptive Innovation?“, MIT Sloan Management Review, Fall 2015 (nur der frei lesbare Teil). https://sloanreview.mit.edu/article/how-useful-is-the-theory-of-disruptive-innovation/
  13. Dirk Arne Heyen: „Exnovation: Herausforderungen und politische Gestaltungsansätze für den Ausstieg aus nicht-nachhaltigen Strukturen“, Öko-Institut Working Paper 3/2016. https://www.oeko.de/fileadmin/oekodoc/WP-Exnovation.pdf